Die beste Londoner Geige steht jetzt in Chicago zum Verkauf - ein Zeichen dafür, dass die Zeiten schlechter geworden sind. Es handelt sich um eine Guarneri del Gesu von 1741. Elf Jahre lang wurde sie von dem großen belgischen Virtuosen Henri Vieuxtemps gespielt, der 1881 starb und sie dem berühmten Solisten Eugène Ysaye vermachte. Seit 1966 befindet sie sich im Besitz des Londoner Bankiers Ian Stoutzker. In jungen Jahren studierte er am Royal College of Music bei Albert Sammons und hält seine Guarneri in höchsten Ehren. Er zeigte mir einmal in seiner Villa, wo er sie aufbewahrte: unterm Bett, stets zur Hand.
Aber es herrschen unsichere Zeiten, und der 79-jährige Stoutzker muss sich von Schätzen trennen. Für die Guarneri ruft er 20 Millionen Dollar auf. Das wäre das Doppelte der höchsten Summe, die je für ein Musikinstrument bezahlt wurde. Aber vielleicht hat er Recht, denn eine Violine verliert nicht an Wert, und das große Geld wird jetzt, da Banken und Aktien keine sicheren Anlagen darstellen, in Kunstobjekte und Sammlerstücke investiert.
VON NORMAN LEBRECHT